Die Menschen im Film...

Andreas Pichler kommt mit vielen Personen ins Gespräch, um heraus zu finden warum wir trinken, was Alkohol mit uns macht und warum wir seine Gefahren so erfolgreich verdrängen. Viele Menschen kommen zu Wort, ehemalige Suchtkranke, Alkoholproduzenten, Lobbyisten, Psychologen und Ärzte - rund um den Globus...


David Nutt Imperial College, London, Großbritannien

 

Alkohol ist eine wunderbar clevere Droge. Er mischt überall mit. Das kleine Molekül gelangt schnell ins Gehirn und schaltet eine ganze Reihe verschiedener Gehirnbereiche ein oder aus. Es werden die Bereiche für Verantwortungsgefühl, Sorgen und Ängste ausgeschaltet. So entspannen wir, machen aber auch verrückte Sachen und mögen das manchmal. Alkohol hat eine sehr weitreichende Wirkung im Gehirn - verbessert die Stimmung, reduziert Stress und auch Angstzustände. Aber je mehr man trinkt, werden natürlich Rausch und labiler Gemütszustand zum Problem. Man kann sagen, jedes einzelne, von immerhin 200 Milliarden Neuronen im Gehirn, wird vom Alkohol beeinflusst."

Katherine Severi Institut für Alkoholstudien, London, Großbritannien

"Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass britische Grundschulkinder eher in der Lage sind, Marken großer Alkoholkonzerne zu identifizieren, als die Marken von Eiscreme oder Schokoriegeln. (...) Es gibt international anerkannte Beweise dafür, dass Preiserhöhungen, Einschränkungen in der Verfügbarkeit und der Werbung für Alkohol wesentlich dazu beitragen, Schäden an der Gesellschaft zu verhindern. Diese drei Maßnahmen wurden von der WHO als die bestmögliche Richtlinie empfohlen, die Regierungen anwenden sollen. Das größte Hindernis bei ihrer Umsetzung sind die Aktivitäten der Alkoholindustrie, die offensichtlich ein sehr großes Interesse daran hat, den Verkauf und den Konsum ihrer Produkte zu fördern."


Lorenz Gallmetzer Journalist und Autor, Wien, Österreich

„Es gibt hundert Regeln. Ich habe sie alle probiert. Man sagt, einen Tag in der Woche nichts trinken, eine Woche im Monat nichts trinken. Und einen Monat gar nicht. Wenn man das alles zusammennimmt, trinkt man praktisch nicht einmal ein halbes Jahr im Jahr. Hätte ich das geschafft, hätte ich nie ein Problem gehabt.  Jemand, der imstande ist, jede Woche zu sagen: „Heute trinke ich keinen Tropfen“ und in jedem Monat sagt: „Eine Woche trinke ich keinen Tropfen“ und dann noch einen ganzen Monat dranhängt, der ist nicht süchtig.”


Prof. Dr. med. Helmut Seitz Direktor des Alkoholforschungsinstituts (AFZ), Chefarzt Medizinische Klinik Heidelberg, Deutschland

„Alkohol ist eine Substanz, die quasi alle Körpersysteme schädigt, zuvorderst natürlich im Verdauungstrakt, Leberschädigungen, Schädigungen der Bauchspeicheldrüse, der Magen-Darm-Trakt aber auch das Herz-Kreislauf-System, die Haut und natürlich das Nervensystem, sowohl das zentrale also das Gehirn, wie auch die peripheren Nerven werden geschädigt, bis hin zur Knochenschädigung, zum toxischen Knochenödem. Also es gibt praktisch keinen Körperteil, der nicht durch Alkohol, wenn man ihn hoch dosiert zu sich nimmt, geschädigt wird. Die WHO hat darauf hingewiesen, dass 200 Krankheiten durch Alkohol entstehen oder schlechter werden.  Krebs ist eine wichtige Folgeerkrankung von zu viel Alkohol.”


Inga Dora Sigfusdottir Sozial- und Bildungswissenschaftlerin Universität Reykjavik, Island

„Wir hatten wirklich ein großes Problem mit Alkoholexzessen. Es war ganz normal, mit 13 Jahren das Trinken anzufangen. Alkohol, Zigaretten, Haschisch - der Konsum stieg über Jahre hinweg immer weiter an. Es war wirklich ein Notfall. Dadurch waren wir zum handeln gezwungen. Forscher, Entscheidungsträger und Fachleute die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, haben gemeinsam beschlossen, einen neuen Weg zu gehen. (...) Islands Städte investieren seit Beginn des Projekts 10 % ihres Haushaltsbudgets in Freuzeitaktivitäten - nicht nur in den Sport, auch für Musik, Tanz und Kreatives.”


Avani Dilger Psychotherapeutin und Suchtberaterin, Boulder, COLORADO USA

"Man kann jede Droge untersuchen und bestimmen, welchen Neurotransmitter sie stimuliert. Wenn dir eine bestimmte Droge liegt, hast du - so sagen wir es bei NATURAL HIGHS - einen Lieblingsbotenstoff. Sobald man das weiß, kann man schauen, wie man den Neurotransmitter gezielt aktiviert. Das funktioniert sogar mit Lebensmitteln, die man isst, damit ein bestimmer Botenstoff produziert wird."


Harvey Milkman Kognitionspsychologe, Metropolitan State University, Denver, USA 

"Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass ein 'Natural High' dasselbe ist wie ein 'Drogen-High'. Der Grund, warum Menschen Drogen nehmen, ist, weil sie so intensiv und wirkungsvoll sind. Aber das Gehirn ist für so etwas nicht gebaut. Das Gehirn verkraftet nur kurze Momente der Extase und des intensiven Vergnügens. Das auszudehnen, ist neurologisch unmöglich."


Sarah Halpin Ehemalige Betroffene, Social Media Redakteurin

"Ich erinnere mich an diesen ersten Schluck, dieses Gefühl, die Wärme, die durch meinen Körper floss und dieses Selbstvertrauen, das ich so noch nie erlebt habe und diese Energie. Da dachte ich: Ja, das bin ich. Das mag ich. Und obwohl das mein allererstes Mal war, habe ich wesentlich mehr getrunken als alle anderen. Als wir dann fünfzehn, sechszehn, siebzehn waren und immer auf Partys gingen, merkte ich, dass immer ich diejenige war, die in ein Schlamassel geriet. Ich war im Black-Out Modus, in dem man alles mögliche tut und sagt, nichts mitkriegt und sich an nichts erinnert."

Ignacio Sanchez Recarte Generalsekretär, CEEV, commite europeen des enterprises vin, Brüssel

"Wir haben die Sorge, dass einige Organisationen alkoholische Getränke dämonisieren. (...) Der Weinsektor ist ein gewaltiger Sektor im Agrarmarkt. Wirtschaftlich gesehen ist er  der wetvollste Exportmarkt der EU im Bereich Agrar- und Lebensmittel. 2017 wurde Wein im Wert von 11,3 Milliarden Euro exportiert. Was einem Handelsüberschuss von 9 Milliarden Euro entspricht. (...) Egal ob China, Brasilien oder Nigeria - die Leute kaufen Wein nicht nur wegen des Produkts sondern auch wegen des Images. Wein ist elegant, wird mit Essen kombiniert, einfach ein feines Produkt. All diese Eigenschaften schwingen mit."


Michael Musalek Psychiater und Psychotherapeut, Siegmund Freud PrivatUniversität, Wien Österreich

"Wir wissen leider nicht, wann der Zeitpunkt da ist, an dem man weiß, dass man alkoholkrank ist. Ich würde sehr viel darum geben, einem Menschen sagen zu können, Sie können bis zu einem bestimmten Zeitpunkt noch trinken, aber danach müssen Sie aufpassen, dann lassen Sie es besser, denn dann sind Sie dann alkoholkrank. Das geht leider nicht. Aber wir wissen, dass bestimmte Menschen eine höhere Chance haben, diesen Schritt in die Sucht zu gehen."


Isidore Obot Psychologe und Epidemiologe, Universität Uyo, Nigeria

"Afrika ist für die Alkoholindustrie interessant, weil sie niemand hier kontrolliert - und das in einem wachsenden Markt. Nigeria hat knapp 200 Millionen Einwohner. Aus kommerzieller Sicht ist das der Ort, wo man sein muss."